Projekt

Die Zukunft der Städte erscheint heute mehr als technologische Vision denn als gesellschaftliche und politische Utopie. Utopien können als Modellwelten wörtlich genommen oder aber als radikale Gedankenexperimente gelesen werden. Als Modellwelten mit Hang zum Totalitären werden sie heute zurecht skeptisch betrachtet. Doch die utopischen Texte, die Europa mentalitätsgeschichtlich und politisch entscheidend mitgeprägt haben, kritisieren und reflektieren stets auch die Herrschaftsverhältnisse ihrer Zeit – mittels Gegenwelten, die eine ganz andere Praxis von Alltagsleben und Politik plastisch darstellen.

Sie können als Denkfiguren verstanden werden, die der bedrohten Gegenwart vorführen, dass es auch ganz anders sein könnte. Utopien können Hoffnungen bündeln, können zeigen, wie Werthaltungen zu einer sozialen Praxis werden können und wie es entscheidend anders weitergehen könnte, als wir es gewohnt sind. Utopien sind Gedankenexperimente, die einen analytischen Raum bieten: um der vermeintlich nach alten Routinen vorgegebenenZukunft der Stadt die Vielfalt der Zukünfte des Städtischen als Spiegel vorzuhalten. Klassische Utopien der Vergangenheit können dazu dienen, eben jene Ideen wieder neu zu denken, für die ihre Autoren einst berühmt wurden, und sie auf das Heute und Morgen von Wien zu beziehen. So findet sich in klassischen Utopien seit Platon etwa Gemeingut-Ökonomie, religiöse Toleranz oder Bildungsgerechtigkeit in vielerlei Spielarten. Die Utopien der Vergangenheit sind keine Vorbilder, aber sie führen praktisch vor, wie Gesellschaften der Zukunft vorweggenommen werden können. 

Wie Wien einst utopisch gedacht wurde, kann auf die Widersprüche der konkurrierenden Zielvorstellungen von Zukunftsentwürfen hinweisen – wie etwa gewinnorientierter Kapitalismus versus gerechte Ressourcenverteilung schon im frühen 20. Jahrhundert. Solche historischen Analysen bilden die Grundlage, um die ‚ganz anderen‘ heutigen Zukünfte Wiens mit kritischem Geschichtsbewusstsein und einem Sinn für Kontinuität zu explorieren. Wiener utopische Gegenentwürfe der Zukunft können an utopische Gegenentwürfe aus Wien und für Wien in der Vergangenheit anknüpfen.

In den folgenden Teilprojekten sollen diese utopischen Ansätze analysiert und für zukünftige Diskurse als Impulse gebündelt werden.

Teilprojekt 1: Impulse für Wien aus klassischen Utopien

Was bieten die klassischen Utopien der Vergangenheit für das Wien der Zukunft? Wir haben zurzeit technische Visionen aller Art: die intelligente Stadt, die digitalisierte Stadt, die grüne Stadt, die Stadt mit Drohnen und mit autonomen Fahrzeugen, aber auch mit Vertikalen Stadtfarmen. Technologien suchen Anwendungen; aber die Frage, wie wir uns das soziale, kulturelle und politische Leben im Wien der Zukunft vorstellen, bleibt hinter den technologischen Szenarien zurück.

Was könnten Impulse für das Denkexperiment eines Wien in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts sein? Die Utopien der Vergangenheit sind als totalitäre Modellwelten in Verruf geraten; und das zu Recht, wenn sie als Plan und Blaupause für die Zukunft genommen werden und top down einer Gesellschaft aufoktroyiert werden sollen. Wenn wir die politischen Utopien der Vergangenheit aber nicht als Modelle sehen, sondern als radikale Denkexperimente für eine ganz andere Zukunft – dann bieten sie einen Materialfundusfür eine Neuerfindung utopischen Denkens. Der Dominikaner Tommaso Campanella hat in „Der Sonnenstaat“die Stadt als universellen Wissensraum entworfen. Thomas Morus hat die Städte seines „Utopia“ so geplant, dass sein Ideal der Gleichheit schon durch Architektur und Infrastruktur im Stadtleben implementiert war. Die Utopien des 19. Jahrhunderts versuchen, Industrialisierung und Naturverbundenheit zusammen zu denken. Edward Bellamy hat in seiner Utopie „Rückblick aus dem Jahr 2000“ im späten 19. Jahrhundert eine Gesellschaft für das Jahr 2000 entworfen, in der z.B. Arbeitszeit für die einzelnen danach verteilt ist, wie beliebt die jeweilige Tätigkeit ist (unbeliebte Tätigkeiten zu übernehmen wird mit kurzen Arbeitszeiten belohnt). Es sind jeweils einzelne Elemente, die wir aus den Utopien in die Denkexperimente der Zukunft transformiert als Impulse übernehmen können.

Andere Eigenschaften jener klassischen Utopien – ihre Kehrseiten – können als Warnhinweise genommen werden. Wie etwa das strikte Kontroll- und Disziplinarregime, die Tendenz zum „gläsernen Bürger“ und das Sanktionieren abweichenden Verhaltens. Mit den Technologien der Zukunft – wie künstlicher Intelligenz – werden nicht wenige Elemente der Utopien der Vergangenheit zu Dystopien der Zukunft. Doch Utopien sind plastisch, bieten Verfahren, das Abstrakte ganz konkret als Alltag dazustellen und bieten damit Vorlagen, wie sich schwer Fassbares in eine Form bringen lässt, die Jeder und Jedem zugänglich ist.  

In diesem Teilprojekt geht es darum, aus den klassische Utopien die Elemente zu extrahieren, aus denen utopische Impulse für das Wien der Zukunft gewonnen werden können. Wien kann so als Modellfall, ja als Think Tank fungieren für utopische Explorationen, die über den konkreten Ort hinaus verallgemeinerbar sind.

Teilprojekt 2: Wiener Stadtutopien revisited

Wien bietet international prominente Beispiele für Architektur und Städtebau im Geist der großen Gesellschaftsutopien des 20. Jahrhunderts. Allen voran die Gemeindebauten des Roten Wien in der Zwischenkriegszeit und die Fortführung dieser Tradition nach 1945. Wie auch das für seine Zeit teils progressive ökologische Gedankengut eines Friedensreich Hundertwasser und dessen – umstrittene, als wenig progressiv geltende – bauliche Ausformungen.

Das Erbe der Gemeindebauten wird im heutigen Wien nach pragmatischen Gesichtspunkten verwaltet (in mancher Hinsicht eher Mängel-verwaltet). Das sozialreformerische und insbesondere bildungspolitische Gesamtkonzept, in das diese Bauten eingebettet waren – etwa in Form von Arbeiterbildungsinstitutionen – ist seither weitgehend erodiert. Ziel dieses Teilprojekts ist es unter anderem, den Denkraum für die Wiederbelebung der Gemeindebauten als gelebte Sozialutopie zu erweitern. Hier werden die Ideen politischer Utopien und die Ansprüche an Gemeindebauten verbunden und kontrastiert, um Impulse zu geben, welche Wege des gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens im 21. Jahrhundert denkbar sind.

Dies durchaus als Argumentationsbasis für einen Erhalt jener Sonderform kommunalen Wohnens. Wenn die Gemeindebauten eben nicht „Wohnanlagen wie alle anderen“ darstellen, wird man Privatisierungs-Begehrlichkeiten politisch eher etwas entgegenzusetzen haben.

Zudem können Wiener Städtebau-Modelle der Vergangenheit bilanziert werden – auch Stadt-Dystopien wie der nicht umgesetzte Plan einer nationalsozialistischen Neugestaltung großer Areale von Wien. Auf solche stadtplanerischen Vergangenheitsentwürfe kann mit einer utopischen Leitvorstellung (nicht: Modell!) für ein Wien der Zukunft geantwortet werden.


Teilprojekt 3: Wien 2050 – Utopisches Denken radikal und disruptiv

Denkexperiment Wien der Zukunft – Wiener Zukünfte. Welche disruptiven Ereignisse könnten Wien in einer entfernten Zukunft grundlegend verändern? Partizipative Prozesse, die auf die Erkundung städtischer Zukunftsvisionen abzielen, gibt es bereits – in Wien greifen da internationale Trends. In vielen Fällen liegt der Schwerpunkt dabei eher auf moderaten Veränderungen bzw. pragmatisch-linearen Transformationen. Dabei werden disruptive Entwicklungen und radikale Veränderungen oft vernachlässigt. Um die Grenzräume von möglichen Zukünften für die Stadt Wien auszuloten, werden in diesem Teilprojekt Interviews mit einer erheblichen Zahl von AkteurInnen der Stadt aus den unterschiedlichsten Bereichen zu ihren individuellen Zukunftsentwürfen für Wien um 2050 geführt.  Befragt werden Personen aus Kunst, Kultur, Natur- und Geisteswissenschaft, High-Tech Entwicklung, Literatur, Architektur, Pädagogik, Sozialwesen, Psychologie etc., aber auch SchülerInnen und StudentInnen.

Der Fokus liegt hier nicht auf möglichen und wahrscheinlichen Zukunftsentwicklungen, sondern auf einer ganzheitlichen Perspektive, die – getrieben von Wünschen, Träumen, Konzepten und Vorstellungen – eine radikal andersartige und disruptive Zukunft für Wien im Auge hat. Radikale Denkexperimente lassen die unendliche Vielzahl an Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt besser erkennbar werden. Phantastische, irreale Gedanken sowie persönliche bildhafte Vorstellungen können dazu beitragen, den zukünftigen Gestaltungsraum um die Dimension des Nicht-Wissens zu erweitern und Anzeichen prinzipiell unvorhersehbarer Veränderungen durch gewagte Denkexperimente zutage zu fördern.

Teilprojekt 4: Crowdsourcing Utopia – partizipative Wissenschaftsvermittlung

Die Utopien der Zukunft brauchen Resonanzräume, in denen Elemente des utopischen Denkens zu gedanklichen Abenteuern für Menschen in Wien werden können. Der reale „Wissens°raum“ des Vereins ScienceCenter-Netzwerk eignet sich als niederschwelliger Ort für Wissenschaftsvermittlung besonders gut dazu, als ein solcher Resonanzraum zu dienen.

Im Sinne partizipativer Wissenschaftsvermittlung werden daher drei Veranstaltungen für den Dialog zwischen den Forschenden und der lokalen Bevölkerung initiiert. Zielgruppen für die jeweils 2-stündigen Veranstaltungen sind jugendliche und erwachsene BesucherInnen des Wissens°raums, der sich in einem Gemeindebau im 5. Wiener Gemeindebezirk befindet. Die Bewerbung der Veranstaltungen erfolgt über die bestehenden Kontakte des Vereins ScienceCenter-Netzwerk mit Akteuren aus dem Bezirk (z.B. über das Regionalforum, VHS, Jugendzentren, migrantische Vereine, u.v.m.), ebenso können zufällig anwesende BesucherInnen des Wissens°raum spontan teilnehmen.

Ziel der Veranstaltungsserie ist es, Utopien für das heutige Wien (weiter) zu entwickeln und auf Basis der persönlichen Lebenserfahrungen und -entwürfe aller Beteiligten gemeinsam zu diskutieren.

Ausgangspunkt für dieses „Crowdsourcing von Utopien“ sind einerseits inhaltliche Impulse der Forschung aus den ersten drei Teilprojekten, die von den ExpertInnen allgemein verständlich vorgestellt wird. Ein moderierter Prozess in der offenen Atmosphäre des Wissens°raums begleitet die TeilnehmerInnen dabei, die Utopie-Elemente hinsichtlich ihrer Relevanz für das heutige Wien zu untersuchen und kreativ weiter zu entwickeln.

Als zweiter Einstieg in das „Crowdsourcing von Utopien“ werden bestehende dialogische Formate des ScienceCenter-Netzwerks genutzt. Die TeilnehmerInnen der Veranstaltungen setzen sich anhand der interaktiven Spiele mit Ungleichheit („Armutsgrenze“), Mobilität („move on“) bzw. Zukunftstechnologien („Blickwinkel“) auseinander. Anschließend folgt ein moderiertes „Crowdsourcing“ von utopischem Denken.

Zusätzlich zu den Veranstaltungen wird im Wissens°raum ein „Tisch der Utopien“ eingerichtet, der auch BesucherInnen außerhalb der Veranstaltungszeiten dazu anregt, ‚Objekte der Zukunft‘ zu entwerfen bzw. Utopien weiterzuentwickeln, um zu einer interaktiven Wissensgenerierung beizutragen.

Alle Veranstaltungen und utopischen Ergebnisse werden dokumentiert und wirken somit zurück auf die Arbeit in den ersten drei Teilprojekten.

Teilprojekt 4 fungiert als experimentelles Erproben von „Crowdsourcing Utopia“. Insbesondere testet es, welche Einstiege und Impulse (ExpertInneninput, Diskussionsformat, Utopie-Tisch) sich als Trigger und Startpunkt für ein utopisches Entwerfen einer besseren Welt von Morgen eignen. Das Teilprojekt beinhaltet die Erarbeitung der jeweiligen Veranstaltungskonzepte in Abstimmung mit den ReferentInnen, die Adaptierung der interaktiven Spiele sowie die Bewerbung, Moderation und Dokumentation der Veranstaltungen und Rückkopplung an die anderen Teilprojekte.