Utopisches Wien 2050 – ein radikales Gedankenexperiment

Wie könnte die Stadt Wien im Jahr 2050 zu einem Modellfall ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, eines neuen Verständnisses von Demokratie, zu einem Zentrum kultureller, wissenschaftlicher und bildungspolitischer Avantgarde werden – dies aber nicht auf Kosten anderer Weltregionen und Gemeinschaften, und auch nicht auf Kosten eines Teils der eigenen Gesellschaft?

Um solche utopischen Zukünfte für Wien auszuloten, wurden Interviews mit etwa 60 AkteurInnen der Stadt geführt, zu ihren Zukunftsentwürfen für 2050. Befragt wurden Personen aus Kunst, Kultur, Natur- und Geisteswissenschaft, High Tech-Entwicklung, Literatur, Philosophie, Architektur, Pädagogik, Sozialwesen, Psychologie etc., aber auch SchülerInnen und StudentInnen. Der Fokus liegt nicht auf der Prognose möglicher Entwicklungen, sondern auf einer ganzheitlichen Perspektive, die – getrieben von Wünschen, Träumen, Konzepten und Forderungen – eine radikal andersartige Zukunft für Wien im Auge hat. Partizipative Prozesse zur Erkundung städtischer Zukunftsvisionen gibt es bereits – in Wien greifen da internationale Trends. Oft liegt der Schwerpunkt dabei eher auf moderatem Wandel bzw. pragmatisch-linearen Transformationen. Dabei wird die Möglichkeit radikaler Veränderung oft erst gar nicht ins Auge gefasst. Doch ein disruptives Ereignis wie die Coronakrise zeigt uns, wie schnell im Fall akuter Sachzwänge Prioritäten grundlegend anders gesetzt werden können: auch dort, wo dies von Entscheidungsträgern bisher als „völlig utopisch“ zurückgewiesen wurde. (Die Frage ist eben, was in Politik und Wirtschaft als akuter, unhintergehbarer Sachzwang wahrgenommen wird und was eben nicht…) Die im Schnitt etwa einstündigen Tiefeninterviews, die großen und kleineren Utopien, die radikalen wie auch die vorsichtig-pragmatischen Annäherungen rufen insgesamt nach einem einen fundamentalen Systemwandel in allen Lebensbereichen. Von klimagerechter Mobilität bis zu einer gewandelten Rolle von Arbeit. Von der Entkommerzialisierung des digitalen Raums bis zu einem Ende der neoliberalen Hegemonie im ganzen. Vom Zurückfahren des durchschnittlichen Konsums und Energieverbrauchs bis zu einer „Demokratisierung der Demokratie“ im Rahmen einer neuen politischen Ethik. Von guter Bildung für Alle bis zu einer Priorisierung des psychischen Wohls und der Souveränität der Einzelnen über ihre Lebenszeit. Von Wissen und Wissenschaft als durchgängig öffentlich-rechtliche Sphäre bis zu einem Kunstbetrieb, der sein utopisches, Zukunft visionierendes Mandat nicht länger an Marktzwänge, an Macht- und Konkurrenzkämpfe eines völlig entgleisten Kunst-Statuskonsums verrät.

In der Ö1-Radiokolleg-Sendung „Wien und die Welt 2050, Urbane Utopien“ wurden die utopischen Szenarien der InterviewpartnerInnen gebündelt, weitergedacht und in ein ironisch-ernstes Gedankenexperiment eingewoben: Eine fiktive Figur namens Mira bewegt sich als digitale Wissenserbe-Expertin durch ein völlig gewandeltes Wien des Jahres 2050, das – wie fast der gesamte Rest der Welt – aus schwerem Schaden ein Stück klüger geworden ist.

Mehr dazu hier: Radiokolleg – Wien und die Welt 2050. Urbane Utopien (1-4).

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