Impulse für Wien aus klassischen Utopien

Was bieten die klassischen Utopien der Vergangenheit für das Wien der Zukunft? Wir haben zurzeit technische Visionen aller Art: die intelligente Stadt, die digitalisierte Stadt, die grüne Stadt, die Stadt mit Drohnen und mit autonomen Fahrzeugen, aber auch mit Vertikalen Stadtfarmen. Technologien suchen Anwendungen; aber die Frage, wie wir uns das soziale, kulturelle und politische Leben im Wien der Zukunft vorstellen, bleibt hinter den technologischen Szenarien zurück.

Was könnten Impulse für das Denkexperiment eines Wien in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts sein? Die Utopien der Vergangenheit sind als totalitäre Modellwelten in Verruf geraten; und das zu Recht, wenn sie als Plan und Blaupause für die Zukunft genommen werden und top down einer Gesellschaft aufoktroyiert werden sollen. Wenn wir die politischen Utopien der Vergangenheit aber nicht als Modelle sehen, sondern als radikale Denkexperimente für eine ganz andere Zukunft – dann bieten sie einen Materialfundusfür eine Neuerfindung utopischen Denkens. Der Dominikaner Tommaso Campanella hat in „Der Sonnenstaat“die Stadt als universellen Wissensraum entworfen. Thomas Morus hat die Städte seines „Utopia“ so geplant, dass sein Ideal der Gleichheit schon durch Architektur und Infrastruktur im Stadtleben implementiert war. Die Utopien des 19. Jahrhunderts versuchen, Industrialisierung und Naturverbundenheit zusammen zu denken. Edward Bellamy hat in seiner Utopie „Rückblick aus dem Jahr 2000“ im späten 19. Jahrhundert eine Gesellschaft für das Jahr 2000 entworfen, in der z.B. Arbeitszeit für die einzelnen danach verteilt ist, wie beliebt die jeweilige Tätigkeit ist (unbeliebte Tätigkeiten zu übernehmen wird mit kurzen Arbeitszeiten belohnt). Es sind jeweils einzelne Elemente, die wir aus den Utopien in die Denkexperimente der Zukunft transformiert als Impulse übernehmen können.

Andere Eigenschaften jener klassischen Utopien – ihre Kehrseiten – können als Warnhinweise genommen werden. Wie etwa das strikte Kontroll- und Disziplinarregime, die Tendenz zum „gläsernen Bürger“ und das Sanktionieren abweichenden Verhaltens. Mit den Technologien der Zukunft – wie künstlicher Intelligenz – werden nicht wenige Elemente der Utopien der Vergangenheit zu Dystopien der Zukunft. Doch Utopien sind plastisch, bieten Verfahren, das Abstrakte ganz konkret als Alltag dazustellen und bieten damit Vorlagen, wie sich schwer Fassbares in eine Form bringen lässt, die Jeder und Jedem zugänglich ist.  

In diesem Teilprojekt geht es darum, aus den klassische Utopien die Elemente zu extrahieren, aus denen utopische Impulse für das Wien der Zukunft gewonnen werden können. Wien kann so als Modellfall, ja als Think Tank fungieren für utopische Explorationen, die über den konkreten Ort hinaus verallgemeinerbar sind.

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